Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben - Kolumne 10

April 8, 2018

 Die Horrorfratze abhängiger Arbeit

 

 

Robert Walsers Roman „Jakob von Gunten“, 1909 veröffentlicht, erzählt eine spezielle Geschichte; der Ich-Erzähler Jakob tritt ein in ein Institut, das die Abrichtung der Zöglinge zu Dienern bezweckt. Der Unterricht, wenn man ihn so nennen darf, besteht aus der fortwährenden Wiederholung von Benimmregeln, das Ziel dieser Erziehung ist, die Zöglinge zum Dienst an einer Herrschaft abzurichten und ihnen als Lebensziel eine Existenz als Null, die es zu nichts bringen wird, einzupflanzen.

Jakob ist, wie es scheint, ein ungeeigneter Schüler; im Gegensatz zu seinem demütigen Kollegen Kraus sprüht er vor Lebenslust und künstlerischer Aufmüpfigkeit. In seinem Tagebuch schreibt er seine Eindrücke von seinen Mitzöglingen und dem das Institut führenden Geschwisterpaar nieder und gibt darin seinen Fantasien Platz, die ihn an weit entfernte Orte und Zeiten entführen. Dennoch verschreibt sich Jakob der Ideologie des Instituts und strebt danach, ein Leben als Diener zu führen. Und das mit der größten Heiterkeit.

 

Für heutige Begriffe scheint dieses Institut ein Gruselkabinett pervertierter Pädagogik zu sein, in dem ein abstruses Welt- und Menschenbild die Herrschaft hat und in dem die Zöglinge zum Gegenteil einer selbstbestimmten Haltung zum Leben erzogen werden sollen. Sich fügen in ein Leben als Domestike und das nicht widerwillig oder notgedrungen, sondern aus Bejahung einer untergeordneten und unbedeutenden Existenz, in der ganz auf eigene Wünsche und Vorstellungen verzichtet wird, ist das, was verlangt wird. Selbstverwirklichung ist hier nicht vorgesehen, der Mensch verliert jeden Anspruch auf Selbstentfaltung, er hat nur für andere nützlich zu sein und muss freiwillig auf jedes Streben nach Aufstieg und Größe verzichten.

 

Die Abrichtung, die Jakob erfährt, scheint Teil einer längst vergangenen Zeit zu sein. Und heute, im Zeitalter ununterbrochener Selbstdarstellung auf Facebook und Instagram, scheint es, als ob die Selbstentfaltung im Blick der Öffentlichkeit oberstes Ziel und Recht des Menschen sei. Doch ist die Realität eine andere. Als weisungsgebundene Arbeitskräfte sind viele Menschen Empfänger von Direktiven und müssen aus Gründen der Existenzsicherung ihr Verhalten an Vorgesetzte und Arbeitsumgebung anpassen, oft gute Miene zum bösen Spiel machen. Da ist die von Guntensche Dienerideologie ehrlicher, weil ungeschminkter und nackter; an diesem Roman lässt sich die Blaupause des heutigen Zeitalters in puncto Menschenbild der abhängig beschäftigten Zurichtung genauestens ablesen – und man sieht die Horrorfratze, die einen durch alle Heiterkeit und Lebendigkeit des Romans anblickt.

 

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