Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben - Kolumne 5


Terror und Vorurteile

Der Weg zur Brücke war weit. Über Feldwege, Grasflächen und entlang einer wenig befahrenen Straße schritten wir zu dritt, bepackt mit Grillutensilien und Proviant in Rucksäcken und einer Einkaufstasche von Kaufland. Die Sonne brannte herab, ein breiter Streifen Schweiß erglänzte auf den Oberseiten meiner Unterarme, mein Gesicht war pitschnass. Ich war der langsamste unserer kleinen Gruppe. Während die anderen zwei vorausschritten und angeregt miteinander plauderten, begnügte ich mich damit, hinterher zu trotten und ein Arrangement meines rechten Fußes mit meinem Schuh zu treffen, denn wie ich unterwegs erst bemerkt hatte, war der Schuh zu klein und meine Zehen litten darunter.

Der Schmerz hielt an, aber mit der Zeit wurde er erträglich. Nach sicherlich zwei Stunden machten wir es uns endlich auf einem Kiesstrand im Schatten einer Rheinbrücke bequem. Über uns bollerten alle paar Minuten Fahrzeuge, nach kurzer Zeit bemerkte ich das Geräusch nicht mehr. Weitere Griller und Sonnenanbeter kampierten auf dem Strand; als die Dämmerung sich senkte, waren wir bald allein. Zu grillen hatten wir erst spät angefangen, unsere letzten Steaks, schon leicht angekokelt, hoben wir nach Sonnenuntergang vom Feuer. Wir redeten wenig, genossen das Essen und die Strandatmosphäre.


In der Zeit vor dem Ausflug hatte ich E.M. Forsters Roman "A Passage To India" gelesen. Er befasst sich mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Briten und Indern in der damaligen Kronkolonie Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein indischer Arzt gerät unter den Verdacht, sich einer Engländerin unsittlich genähert zu haben. Die Briten schließen sofort die Reihen, die kleine Schicht der Kolonialherren kommt blitzschnell unter Heranziehung stereotyper Überzeugungen zu dem Urteil, dass der Arzt nur schuldig sein kann. Forster zeigt treffend, wie verzerrte Beobachtungen, die in bizarre Bewertungen münden, die Urteilsfähigkeit der Briten trüben; die Inder werden kategorisch als geborene Kriminelle abgestempelt. Statt Menschen in den Blick zu nehmen, werden Abziehbilder bemüht, über die der Stab gebrochen wird ohne Ansehen der Person.


Ähnliche Mechanismen bemerke ich zurzeit hierzulande. Aufgrund von einzelnen Vorkommnissen, speziell Attentaten, werden ganze Personengruppen wie Flüchtlinge oder psychisch Kranke unter einen Generalverdacht gestellt. Das veränderte Klima in Deutschland merke ich auch an mir selber. Auf einem Volksfest wurde mir das zum wiederholten Male klar. Auf einer Bierbank sitzend bemerkte ich zu meinem Kumpel, dass man schon durch lautes Rufen von "Allahu Akbar" sich der zeitnahen, ungeteilten Aufmerksamkeit des Sicherheitspersonals sicher sein könne. Die neue Angst, die dieses Jahr bei uns Einzug gehalten hat, hat sich fest eingenistet. Am Rheinstrand beschäftigten mich derartige Überlegungen nicht. Das war mal ein Ort, um den Alltag abzuschütteln und sich den angenehmen Dingen des Lebens zu widmen. Als ich das nächste Mal eine Zeitung in die Hand bekam, war das Angstthema Nummer eins gleich wieder präsent; Terrorverdächtige verhaftet. Ich sehnte mich zurück an den Strand, der eine Oase des Nachrichtenmangels gewesen war.

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