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Artem Zolotarov rezensiert "Ansichten eines Kleinwüchsigen"


Der Mainzer Lyriker Artem Zolotarov besprach unlängst den zweiten Roman von Florian Arleth:

Die Ansichten eines kleinwüchsigen, arbeitslosen, alkoholkranken Mannes mit Migrationshintergrund in einem deutschen Dorf zu schildern, ist ein gewagtes Unterfangen,allein schon wegen Oskar Matzerath aus der schnapsgetränkten Feder von Günter Gras, der gewaltige Spuren in der deutschen Literaturgeschichte hinterließ. Daran würdig anzuknüpfen ist gelinde gesagt ambitioniert, wenn nicht unmöglich. Doch will Florian Arleth in seinem zweiten Roman „Ansichten eines Kleinwüchsigen“ sich dieser Aufgabe überhaupt stellen?

Zu Beginn wird die Geschichte von Olcay, einem kleinwüchsigen türkischstämmigen Mann aus Großdorf erzählt. In seiner Stammkneipe trifft er einen Schriftsteller, den Wortschmied. Olcay berichtet ihm bereitwillig und unter Einfluss von unzähligen Schnapscolas von sich und seinem Lebensweg, der ihn nach 30 Jahren Arbeit als Schausteller in die Arbeitslosigkeit geführt hat. In einer Szene, die im Arbeitsamt spielt beklagt Olcay die Ausweglosigkeit seiner Lage:

„Ich schaue Jim dabei zu, wie er einen Geschäftsbrief formatiert, und erzähle ihm, dass mich das Arbeitsamt seit Jahren erfolglos vermitteln möchte, meine Qualifikationen aber einfach zu niedrig seien, mein Deutsch zu schlecht sei und meine beruflichen Referenzen den meisten Menschen gegenüber unglaubwürdig erscheinen.“


Genau wie Olcay ist auch der Wortschmied eine gescheiterte Figur. Seine literarischen Bemühungen verlaufen allesamt in Fragmenten, die er selbst als Fiktionsversuche bezeichnet.

„Er stehe jeden Morgen auf mit dem Bestreben, die Welt zu begreifen und gehe jeden Abend schlafen mit dem Gefühl, es doch wieder nicht geschafft zu haben. Dazwischen liege meist ein andauernder Akt der Befremdung, der irgendwann einmal begonnen hat. Er könne nicht sagen, wann, könne nur raten, warum. Und zwar wahrscheinlich, weil er die Dinge nicht mehr so sehen wollte, wie sie andere ihm erklärten, sondern so begreifen wollte, wie sie waren. Darum hatte er begonnen zu schreibe.“


Einen Trost finden die beiden Kneipenkumpanen in den Welten der besagten Fiktionsversuche. In verschiedenen Szenarien versetzt der Wortschmied Olcay in eine Brooklyner Mafia-Geschichte, lässt ihn ein Duell im 19. Jahrhundert des Zarenrussland beschreiten und zu guter letzt einen kettenrauchenden Komissar in den späten 80er Jahren der türkischen Hauptstadt ärgern.


Die Fiktionsversuche heben sich im Buchdesign sehr angenehm in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund vom Rest des Buches ab. Ihr Stil ist ausschweifend und sprachverliebt, was mir persönlich zusagt, manch unroutinierten Leser aber abschrecken könnte.

„Dies war also die gegenwärtige Situation, und während der Fürst unter dem Vorwand, seine Teetasse nachzufüllen, die gerade herrschende Stille im Raum überbrückte, fühlte er sich beobachtet und wurde er beobachtet von dem halb gescheiten älteren Halbbruder des Nachbarn, der in einem Ohrensessel ihnen halb zugekehrt saß und das graue Gegenteil von Viktor Petrowitsch Prolevic war: In stillem und feingeschnittenem Profil saß Mitrofan Iwanowitsch Prolevic in der Ecke des Raumes und blickte über die beiden hinweg durch das raumhohe Fenster die nur noch schwach glimmende Sonne an.“


Zwischen den Fiktionsversuchen werden entweder dieselbigen diskutiert oder die beiden Leidensgenossen verlieren sich in schnapscolagetränkten Lebensbetrachtungen. Überhaupt scheint der Alkohol ein durchgehendes wie selbsverständliches Motiv zu sein. Es wird nie hinterfragt oder reflektiert wie viel getrunken wird. Wie von Zauberhand taucht ein Glas nach dem anderen auf, wird geleert und durch ein volles ersetzt. Die Helden sind Gefangene der Sucht, die all ihre Vorhaben unvollendet in sich ertränkt.


Nachdem der Wortschmied seinen Ich-Erzähler fragt, ob dieser wie in der Blechtrommel willentlich seinen Wachstum gestoppt hat, erwidert dieser:

„... wenn man sich erst einmal mit den Dingen abfindet, dann sind diese leichter zu ertragen und müssen nicht ständig hinterfragt werden.“

Es scheint, dass sich die beiden mit ihrem Schicksal oder ihrem Glück (was beides im Türkischen Olcay heißt) abgefunden hätten und ein friedliches Fabulieren dem echten Leben vorzögen.


So versucht auch Arleth in seinem Roman nicht in die großen Gras'schen Fussspuren zu treten, sondern schreibt seine eigene durchaus amüsante und kluge, fantasievolle und lesenswerte Geschichte.

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