Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben II - Kolumne 2

Aktualisiert: Aug 23


Sex und Zensur


Lady Chatterley’s Lover (D.H. Lawrence, 1927) ist ein Ehebruchsroman. Lady Chatterley zieht mit ihrem Mann Clifford, der im Ersten Weltkrieg schwer verwundet wurde und infolgedessen querschnittsgelähmt ist, auf den Herrensitz der Chatterley’s, Wragby, in den englischen Midlands. Die Pflege ihres gefühlskalten Mannes und dessen Gesellschaft von zynischen, frauenfeindlichen Intellektuellen entzieht ihr ihre Lebensenergie. Trost findet sie bei Mellors, dem Wildhüter ihres Mannes, der sich ihr sexuell und warmherzig zuwendet. Die Affäre, die rein körperlich beginnt, entwickelt sich zu einer intensiven Beziehung, die insbesondere sexuell Lady Chatterley weit über die Vorstellungen ihres bisherigen Lebens hinausträgt. Die fortschreitende Distanzierung von ihrem Mann kulminiert in ihrem Entschluss, ihn zu verlassen und ein neues Leben mit Mellors zu beginnen.


In England wurde der Roman wegen seiner für die damalige Zeit expliziten Sexszenen verboten. Erst 1960 hob ein Gerichtsurteil diese Zensur auf. Gerade dieser Aspekt machte mich auf den Roman neugierig. Was war an dem Buch so provokativ, dass solche Maßnahmen ergriffen wurden?


Der Roman greift eine Reihe von Aspekten der damaligen Zeit auf. Kontrastiert wird das hochherrschaftliche Wragby mit seinen Besuchern aus der High Society mit der erbärmlichen Verfassung der Minenarbeiter der angrenzenden Mine, die Lord Chatterley gehört. Der Autor kritisiert die Rolle, die das Geld in den Beziehungen spielt und sieht in der Gier danach die eigentliche Ursache für das miserable Leben der Arbeiter. Lord Chatterley wird charakterisiert als kaltherziger, egozentrischer Mann der Oberschicht, der gedankenlos Arbeiter wie Angestellte ausbeutet und dabei keinerlei Rücksicht auf deren Gesundheit nimmt.


Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen stehen im Zentrum von Lawrence’ Roman. Lawrence’ Kritik zielt einerseits auf die leeren, körperlich eingefrorenen Männer, zum anderen auf die „moderne Frau“, die es nicht versteht, sich einem Mann wirklich hinzugeben. Besonderen Raum gibt er dem Ideal des simultanen Orgasmus und der Bedeutung des Phallus als zentraler Instanz des Geschlechtslebens. Dies ist ihm verschiedentlich zum Vorwurf gemacht worden; während er zunächst auch von Frauen als sexueller Befreier gefeiert wurde, haben spätere Stimmen ihm eine Fixierung auf den gleichzeitigen Orgasmus und den Penis als sexuelles Organ vorgeworfen.


Dass der Roman verboten wurde, sagt viel über die geradezu idyllisch anmutende Situation der damaligen Zeit aus. Während heute Hardcore-Pornos für jeden frei zugänglich sind, der sich im Internet bewegt, erregte damals die (aus heutiger Sicht) dezente Darstellung von Geschlechtsverkehr zwischen einem Mann und einer Frau schon die Gemüter. Wobei auch Analverkehr angedeutet wird. Für die damalige Zeit revolutionär, heute höchstens noch ein Fall für die Feuilletons (siehe Feuchtgebiete). Der Roman hat seine ästhetisch befriedigenden Seiten, Schilderungen der Natur sind hier hervorzuheben und die scharfzüngigen Diskussionen von Cliffords Freunden. Ein Aufreger ist er gewiss nicht mehr, vielmehr ein Kapitel in der Sittengeschichte Englands.


Anmerkung des Verlags: Hurra! Dies ist die zweite neue Kolumne von Brian Laurins Streifzügen durch Literatur und Leben. Weitere Texte werden in den nächsten Monaten folgen.