Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben II - Kolumne 5


Die „robuste“ Gesellschaft


London. Menschenmassen, altehrwürdige Gebäude, Parks und Pubs. Im London des Jahres 1923, an einem Sommertag im Juni, tritt Clarissa Dalloway in Virginia Woolfs Roman Mrs Dalloway (1925) vor die Tür ihres Hauses und macht sich auf den Weg zu einem Blumengeschäft, wo sie Blumen für ihre am Abend stattfindende Party bestellen will. Clarissa, gerade von schwerer Krankheit genesen, ist 51, sie bringt Begeisterungsfähigkeit auf wie eine Achtzehnjährige.

Der Roman findet an diesem einen Tag statt, er erreicht seine Kulmination in Clarissas Party, an der unter anderem der Premierminister teilnimmt. Ihr Mann, Richard Dalloway, ist Parlamentsabgeordneter. Der erzählerische Fokus springt zu verschiedenen Personen, mit denen Clarissa auf die ein oder andere Weise verbunden ist, zu Peter Walsh, einem früheren Verehrer, der sie, zurück aus Indien, überraschend besucht, zu Septimus Warren Smith, einem Weltkriegsveteranen, der an einer Traumatisierung durch Kriegserlebnisse leidet ('shell shock') und anderen. Was diese Figuren verbindet, ist, dass sie alle in irgendeiner Weise beschädigt sind. Peter Walsh etwa ist nie darüber hinweggekommen, dass Clarissa ihn abgelehnt hat. Auch Clarissa hat dies nie verwunden, emotional ist sie damals stehengeblieben. Besonders hervorgehoben ist Septimus’ Schicksal, dessen Krankheit von unfähigen Ärzten ohne Mitgefühl behandelt wird. Dem gegenüber stehen die Repräsentanten von Politik und Ärzteschaft, die bestrebt sind, die beschädigten Mitglieder der Gesellschaft aus der Bevölkerung zu entfernen. Doch das Leben ist größer als das, was die Administration daraus macht.


Besonders hervorstechend ist Woolfs Kunst der Porträtierung ihrer Figuren „von innen heraus“. Durch die Gedankeneinschübe der Porträtierten kommt der Lesende ihnen sehr nahe, ohne dass diese verächtlich gemacht oder herabgesetzt werden. Sie bleiben einem in Erinnerung, der Taschenmesser führende Peter Walsh und die frustrierte Miss Kilman.


Gesellschaften haben immer Ausgrenzung betrieben. Die Kranken, die Armen, die Fremden, alle wurden und werden sie auf je eigene Weise mittels gesellschaftlicher Diskurse und Praktiken ausgesondert und an den Rand gestellt. Im Alltag erfahren alle drei Gruppen Diskriminierung. Woolf sucht durch Fokussierung auf die Ungereimtheiten der herrschenden Klasse ihrer zweifelhaften Selbstdarstellung als „robuste“, von psychischen Problemen unbefleckte Gruppe den Spiegel vorzuhalten. So, als ein Luxuswagen, der möglicherweise mit der königlichen Familie in Verbindung steht, vor der Praxis eines Nervenarztes parkt. Diese subversive Qualität von Woolfs Roman, die in Dutzenden feinen Beobachtungen enthalten ist, trägt wesentlich bei zu der Größe dieses exemplarischen modernistischen Werkes. Der Aktualitätsgehalt dieses Textes von 1925 ist verblüffend.


Und bei alledem, London, wo dieser Roman spielt, Westminster, St. James’ Park, Bond Street, so dicht gesät sind die Details der Straßen und Gebäude, dass sich daraus eine Besichtigungstour gewinnen ließe, das London Mrs Dalloways des Jahres 1923.

Anmerkung des Verlags: Hej! Dies ist die fünfte neue Kolumne von Brian Laurins Streifzügen durch Literatur und Leben. Weitere Texte werden in den nächsten Monaten folgen.