Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben II - Kolumne 4


Von Gebärmaschinen und Frauenhass


Von jeher ist die weibliche Reproduktionsfähigkeit ein kontroverses Thema. Sei es, ob es um die Frage der Vaterschaft oder das Recht der Frau um Bestimmung über den eigenen Körper geht. Margaret Atwood’s Science Fiction-Roman Der Bericht der Magd ("The Handmaid’s Tale", 1985) fasst diese Punkte wie in einem Brennglas zusammen. Die Ich-Erzählerin berichtet von ihrem Leben in Gilead, einem Staat auf dem Gebiet der ehemaligen U.S.A., in dem eine fanatische christliche Sekte die Herrschaft übernommen hat. Frauen sind aller Rechte beraubt, nur innerhalb ihres eigenen Haushaltes haben die Ehefrauen der männlichen Haushaltsvorstände ein nominelles Recht, Angelegenheiten zu entscheiden.

Die Ich-Erzählerin aber, die den generischen Namen 'Offred' trägt, ist eine Magd, das heißt, sie ist dem Haushalt eines Kommandanten, eines hierachisch hochstehenden Mitglieds der herrschenden Kaste, zugeteilt worden, damit sie dort streng ritualisiert und biblisch gerechtfertigt von ihm befruchtet wird. Ihre Alternative wäre gewesen, in eine toxisch verseuchte Kolonie verbracht zu werden. Gilead verzeichnet wegen Umweltgiften einen starken Rückgang der Geburtenrate. Deswegen werden unverheiratete, gebärfähige Frauen in Trainingscentern für diesen Dienst vorbereitet. Wobei diese Frauen teilweise verheiratet waren, nur in zweiter oder dritter Ehe, was nach der Machtübernahme durch die Sektierer nicht mehr als Ehe gilt.


Der Roman enthält viele Rückblenden in die Zeit vor Offreds Gefangennahme, Offred erinnert sich an ihren Mann, ihre Mutter, eine Freundin und an ihre Tochter, die ihr weggenommen wurde. Die Geschichte spitzt sich allmählich zu, als der Kommandant Interesse an ihr gewinnt. In einer Welt, die für eine Frau wie Offred hermetisch versiegelt scheint, stellt der Kommandant einen möglichen Riss in ihrer eingemauerten Existenz dar.


Die Geschichte ist hochspannend geschrieben, beim ersten Lesen habe ich immer wieder pausiert, weil ich befürchtete, gleich eine bestürzende Wendung der Geschehnisse lesen zu müssen. Der Plot ist sehr gekonnt durchkomponiert. Bei aller Freudlosigkeit von Offreds Leben in diesem rigiden, frauenfeindlichen System beeindruckt ihre Fähigkeit, vielschichtig (und auch ironisch) darüber zu denken und ihre beschränkten Möglichkeiten geschickt zu nutzen.


Nun, das ist Science Fiction. Was hat das mit uns zu tun? Abgesehen von der Situation von Frauen in manchen Ländern dieser Welt, in denen Männer ähnlich rigide über Frauen herrschen – Afghanistan, Saudi-Arabien, Iran seien genannt – sind die Themen des Romans auch aus Perspektive der so genannten freien Welt relevant. Ich muss unwillkürlich an manche männliche Bekanntschaft denken, von denen ich Abwertendes über Frauen, sei es in intellektueller oder sexueller Hinsicht, gehört habe. Das ist für meine Begriffe der Keim zu frauenverachtendem Verhalten. Was gedacht und ausgesprochen und nicht bekämpft wird, gewinnt Wirklichkeit in der realen Welt.


Der Roman beschreibt eine Dystopie, eine Welt, in der sich alles zum denkbar schlechtesten gewendet hat. Dystopien werden geschrieben, um zu warnen, wie George Orwell vor der Macht eines alles kontrollierenden und geschichtsfälschenden Staates in 1984 gewarnt hat. Atwood’s Roman fügt sich in diese Tradition ein, es ist nützlich und sinnvoll, sich solche düsteren Geschichten vor Augen zu führen – zumal sie von der Realität oft überboten werden. Außerdem, jenseits von allen Nützlichkeitserwägungen, ist Der Bericht der Magd ein fesselndes und sprachlich brillantes Stück Literatur.


Anmerkung des Verlags: Hurra! Dies ist die vierte neue Kolumne von Brian Laurins Streifzügen durch Literatur und Leben. Weitere Texte werden in den nächsten Monaten folgen.


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