Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben - Kolumne 12

October 4, 2019

 Die Existenz geht der Essenz voraus

 

 

Antoine Roquentin, Gelehrter, schreibt in dem Städtchen Bouville in Frankreich vor dem Zweiten Weltkrieg an einem Buch über eine historische Persönlichkeit. Er beginnt, Tagebuch zu führen, weil er seltsame Wahrnehmungen erlebt, die er verschriftlichen will. Im Laufe der Zeit steigern sich seine Wahrnehmungsveränderungen, die mit einem Gefühl des Ekels einhergehen, bis er die Erfahrung „nackter Existenz“ macht. Das heißt, er nimmt seine Umgebung ohne Zuschreibungen und Benennungen wahr, er ist konfrontiert mit der schieren Dinghaftigkeit der Objekte. Diese Erfahrung führt ihn zu bestimmten Schlüssen, nämlich dass die Existenz ohne Sinn ist und dass jegliche Bedeutung, die den Dingen zugeschrieben wird, im Nachhinein entsteht.

„L´existence précède l´essence“, diese berühmte Formel aus dem Existenzialismus Jean-Paul Sartres bekommt in Sartres Roman „La nausée“ (Der Ekel, erschienen 1938) eine wortgewaltige Darstellung. Der Roman verzichtet weitestgehend auf dramatische Handlung, zwar taucht eine frühere Geliebte Roquentins auf, die auf ihre Weise ähnliche Schlüsse wie er gezogen hat, doch daraus entsteht nichts weiter. Roquentins Bekanntschaft mit dem „Autodidakten“, einem eigenwilligen Leser der Bibliothek, in der er seine Studien durchführt, bleibt auch ohne größere Annäherung. Ansonsten geht er in Bouville spazieren, sieht sich die „Bourgeois“ an, drückt seine Verachtung angesichts dieser gehobenen Gesellschaftsklasse aus.

 

„La nausée“ ist ein philosophischer Roman par excellence, er vermittelt mittels Wortkunst die Essenz einer philosophischen Erfahrung, die die Figur Roquentin leibhaftig erfährt. Und diese Erfahrung hat es in sich, denn eine Welt, in der der Existenz nichts vorausgeht, kein Gesetz, keine Moral, ist eine Welt ohne Gott. Alles, was danach kommt, die Essenz, ist die Schöpfung von Menschen im Aufeinandertreffen auf andere Menschen. Das heißt, jede Zuschreibung, die sagt, ein Mensch sei so oder so, ist kritisch zu betrachten, denn es ist jeweils das Fazit einer Geschichte, die sich ein Mensch über sich selbst oder andere über ihn erzählen. Und damit ein Konstrukt, das unter Umständen das Leben eines Menschen beherrscht. Insofern ist Sartres Ansatz ein möglicher Schlüssel, um sich der Geschichten, die das eigene Leben beeinflussen, gewahr zu werden und sich zu fragen, ob das Freiheit und Verwirklichen von Freiheit ist, oder ob man sich darüber im Irrtum befindet.

 

Sartres großes Anliegen war, den Menschen in seiner Freiheit zu bestärken, Schleier der (Selbst-) Täuschung weg zu reißen und ihn zum Erschaffen seiner eigenen Moral zu bestärken. Dabei muss diese Freiheit immer zusammengedacht werden mit der Freiheit jedes anderen Menschen. Wer seine eigene Freiheit will, kann nur die Freiheit des anderen wollen. Moral ist nicht auf göttliches Geheiß vorgegeben, sondern ein Akt der Erfindung angesichts konkreter Sachverhalte, die sich nicht anhand eines übergeordneten Prinzips auflösen lassen. Daher auch Roquentins Hass gegen die Bourgeois, die sich anmaßen, Moral und Sitte zu bestimmen nur aufgrund ihrer beherrschenden gesellschaftlichen Stellung und dies durch göttlichen Beschluss legitimieren. La nausée ist kein Roman für Liebhaber spannender und verschlungener Handlungsabläufe, die Spannung bezieht dieser Roman aus der gewaltigen existenziellen Erfahrung, die sich in Roquentin anbahnt und schließlich auf überwältigende Weise über ihn hereinbricht.

 

„La nausée“ ist in Verbindung zu sehen zu Sartres großem philosophischen Entwurf, „L´être et le Néant“ (Das Sein und das Nichts, erschienen 1943). Und definitiv leichter zu lesen.

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