Lutz Brien rezensiert „Träume aus Morphin“


Alpträume des Selbst


„Träume aus Morphin“ von Alexander M. Neumann (Brot&Kunst 2017) ist ein wildes, zerklüftetes Stück Literatur, das den Leser vor eine schwierige Aufgabe stellt. Zunächst einmal beginnt der Text mit einzelnen Betrachtungen, die das übergeordnete Thema anreißen, ohne mehr als karge Hinweise darauf zu geben. Dann jedoch, mit dem Einsetzen der eigentlichen Handlung und der Einführung der Hauptfiguren, der erzählenden Instanz Captain Mania und seinem zerrütteten Alter Ego Kid Chronic, wird klarer, worum es geht: eine Irrfahrt durch hedonistische Vergnügungswelten, trostlose Psychiatrie, heillosen Drogenkonsum und lieblosen Sex, die allesamt Stationen der Kritik an grassierendem Selbstverlust darstellen.


Captain Mania ist ein kühler Beobachter seiner Umgebung, keine sympathische Figur, der auf seiner Suche nach einem Ausweg aus seiner Gefährdung zusehends den Halt an der Realität verliert und in Drogenträume und paranoide Erlebnisse abgleitet. Zuletzt steht er in Gefahr, ganz seines Selbst beraubt zu werden. Seine Rettung, wenn es eine ist, scheint zweifelhaft. Kid Chronic, irrlichternd Handelnder, wo Captain Mania nur zuschaut, scheint wie eine verzweiflende Abspaltung des beherrschten Erzähler-Ichs. Zusammengenommen bilden sie ein Ganzes.


„Träume in Morphin“ versammelt Szenen aus Alpträumen der heutigen Zeit, in der die Ablenkung vom Selbst durch Medien, Vergnügungsangebote, Drogen und andere Süchte ein allgegenwärtiges Phänomen ist. Der Text bietet keine gangbaren Lösungen an, formuliert aber eine Sehnsucht nach einem Heil, das in der Kunst zu finden wäre. Von daher können wir in diesem Autor einen gebrochenen Romantiker entdecken, der die alte Suche nach der blauen Blume auf verstörende Weise in die heutige Zeit transportiert. „Träume in Morphin“ ist keine leichte Kost, nach Trost oder Entspannung sucht man hier vergebens. Aber es ist ein authentischer Ausdruck eines labyrinthischen Strebens nach einer Ganzheit, die sich trotz aller Widrigkeiten behaupten will. Ein Buch für Leser*innen, die sich mit Fragen der Existenz und des Selbst konfrontieren wollen.

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