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Artem Zolotarov rezensiert "Lichtspielmomente"


Der Mainzer Lyriker Artem Zolotarov besprach unlängst den zweiten Roman von Florian Arleth. Nun folgt von ihm eine weitere Rezension, diesmal zu Carola Kasimir und ihrem 2015 erschienen Lyrikdebüt Lichtspielmomente (Lyrik im Quadrat #10):

Farbenfrohe Spiegelscherbenlichtspielmomente in schwarz-weiß



Lichtspielmomente ist eine Suche nach Identität, nach dem inneren Wert in einer äußerlichen Welt, ein Zwiegespräch unter zwei Augen, anfangs noch resigniert und kaum auf Erwiderung hoffend, später liebevoller, mit dem Sein versöhnt, tröstlich.


Es erzählt die Geschichte von Einsamkeit, Liebe und Kampf um ein glückliches Leben.


Das erste Gedicht Spiegelbild ist inhaltlich, formal und sprachlich charakteristisch für den gesamten Gedichtband. Deswegen will ich es detaillierter besprechen.


Das Szenario mutet alptraumhaft an:


Eisige Finger weben sich durch meine Träume,

quetschen mich aus, lassen nicht mehr los. …


Eine Fremde begegnet mir auf der Suche,

doch sie blickt, ohne etwas zu sehen.

Ein Mund, der vergessen hat zu lächeln,

stumpfe Haare, die kein Wind wagt zu verwehen.


Das lyrische Ich erkennt sich selbst als „gefangen im Spiegel“. Es versucht sich zu helfen, sich zu verstehen, zuerst im panischen Bestreben, alle seine Gedanken, hinter sich selbst eilend, zu begreifen, den Kummer zu ergründen, später müde am Boden sitzend, seinem Spiegelbild gegenüber, weinend, trotzig: „Träne rollt, weggewischt.“


Der zaghafte Versuch des Trostes versagt: „Will sie trösten und ihr die Welt offenbaren, | robbe zu ihr hin, bin noch immer ohne Namen.“


Tränen werden als „Diamanten“, die in „Sturzbächen“ fallen, romantisch abstrahiert. Die Gefangene im „Spiegelland“ hat ihr Schicksal zu spät erkannt, aber sie versteht nun, dass „Dunkel und Licht“ ihr Wesen ausmachen. Sie akzeptiert die Schattierungen ihrer Emotionen.


Die schöne Spiegelmetapher „Worte formen unsere Lippen, bleiben lautlos“ stellt die Frage nach dem Ursprung: Was war zuerst da, die Lippen, um die Worte zu formen oder die Worte, um die Lippen zu formulieren? Eine Frage der Wort- und Sprachsuche, um sich selbst zu finden und auszudrücken.


Das lyrische Ich schenkt dem Spiegel Glauben. Es akzeptiert sich selbst und versucht aus vergangenen Fehlern zu lernen:


Der Spiegel lügt nicht, so will ich mich begreifen.

Es klappt nicht. Mir ist nich' klar, wer ich damals war.


Doch es reicht nicht nur, das was war, zu akzeptieren.


Ein Kampf beginnt mit dem symbolischen Zerschlagen des Spiegels. Das lyrische Ich erkennt den Stillstand der Spiegelwelt. Es sieht das Licht der Freiheit, das sich in den Splittern spiegelt. Es wacht aus seinem Alptraum auf und glaubt nicht mehr der „Wahrheit, die nur Spiegel wagen zu sprechen.“ Es begibt sich auf die Reise der Selbstfindung und hört auf sein Herz, pardon, auf seine „Herzpumpe“.


Schließlich tritt es zu seinem Spiegelbild und sieht es lächeln. „Ich hab' mich gefunden“ ist das optimistische Schlusswort. Doch wäre es nicht zu schade, wenn die Reise bereits nach dem ersten Gedicht vorbei wäre?


Wie oben erwähnt, wirkt dieses Gedicht wie ein Prototyp für weitere Werke des Bandes.


Um bei der Spiegelmetapher zu bleiben, könnte man sagen, dass die einzelnen Gedichte kurze Episoden – Reflexionen in den Scherben des kaputten Spiegels – auf der Reise zum Ich darstellen.


Diese Reise trägt Momente von Liebe, Hoffnung und Sehnsucht, die in ihrer Dramatik großer romantischer Literatur entliehen scheinen:


Gib mir die Worte

und ich tauch sie in mein Herz.

Verlier mich zärtlich in ihnen,

bestehen sie auch aus Schmerz.


Die Suche nach Freiheit ist ein wiederkehrendes Motiv. Von Meer- und Windmetaphern getragen, wiederholt das lyrische Ich fast mantrahaft immer wieder den Wunsch, sich zu befreien, „mit leisen Flügelschlägen der Freiheit entgegen.“ Umsäumt wird dieser Weg von Schwere, Trennung und Verlust, wobei die Grenzen zwischen realen Ansprechpartnern und Selbstgesprächen verschwimmen.


Siehst du dort den See der Nacht?

Den haben meine Vorfahren vollbracht,

mit Nadel, Faden, Garn und Geduld,

nie darin gebadet und nie gesuhlt,

damit man sich nicht zeitlos verliert.


Es scheint, als wolle das lyrische Ich sich seine Vergangenheit erklären. Wie ein Märchen, das es sich selbst vorliest, um daraus für das Leben zu lernen. Märchenhaft klingen auch Wortschöpfungen wie „Mitternachtsvollmondklanghell“ oder „Regentropfenzauberstrotzend“ aus dem Gedicht „Schokoeis“.


Große Schritte auf der Reise macht das lyrische Ich in den Momenten, in denen es Schwäche zulässt und ehrlich zu sich spricht:


Ich würde gern irgendwen bitten,

bitte hab mich lieb,

umarme mich, halt mich fest.


Schließlich begreifen liebende Hände seinen Wunsch und halten es:


... wir haben gefunden,

du hast gesucht, ich nicht, nicht wirklich.

You found me und wir spielen ein neues Lied.

Es erzählt von Wundern, von kleinen und großen

und ich lege meine in deine Hände

und warte gespannt, was passiert.


Formal sind die Gedichte meist prosaisch und metrisch ungebunden, doch von einer unverkennbaren Lust am Sprachspiel und phonetischen Relationen im Rhythmus geprägt. Es ist eine kunterbunte Mischung aus allem, was ein Gedicht sein kann.


Einen schönen Kontrast zu diesem farbenfrohen Versesammelsurium bietet die schlichte Gestaltung des Bandes. Zwischen den Gedichten sind schwarz-weiße Bilder, die manchmal symbolisch den Inhalt der Texte untermalen, manchmal einfach nur eine poetische Momentaufnahme zeigen, die jede für sich genommen auch eines Gedichts wert wäre.


Lichtspielmomente ist ein mutiger und ehrlicher Gedichtband. Er erzählt die Reise einer jungen Frau auf der Suche nach Identität, künstlerischem Ausdruck, (Selbst)Liebe und Freiheit. Die Gedichte sind voller Phantasie und sprühender Sprachfreude.


In einer immer kälter und dunkler anmutenden Welt, in der viele Menschen auf der Suche nach Individuität ihren Glauben zu schnell falschen Götzen wie Konsum, Leistung und kurzweiliger Ablenkung opfern, ist Kasimirs herzlich warme und kritisch ehrliche Poesie ein kleiner Lichtblick für alle Freunde des schönen Wortes.

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