Carola Kasimir rezensiert „Verlorene Märchen“


Verlorene Märchen – zunächst stößt der Leser nur auf den Titel, ein schöner Titel, der irgendwie die Wundersehnsucht alter und verloren gegangener Kindheitstage weckt. Die Märchen sind jedoch nicht nur in Freddy Morks fiktionaler Welt verloren gegangen, nein, sie sind auch in der realen Welt in weite Ferne gerückt. Die meisten Menschen erinnern sich kaum noch an ihre liebsten Märchen aus frühesten Tagen. Zwar sind die Farben der Erinnerung nicht komplett verblasst, doch besuchen wir Leser diesen Ort in uns, diesen Ort der Märchen, kaum noch oder gar nicht mehr, weil wir vergessen haben, was uns einst freudig leuchtende Augen und solch wertvolle Zaubermomente beschert hat. Freddy Mork öffnet mit seinem Märchenroman ein Tor in eine andere Welt, eine Welt, in der Gedanken und Taten keine Grenzen kennen und alles, absolut alles, möglich ist. Das Werk ist eine Einladung an jeden, sich wieder an die eigenen verlorenen Märchen zu erinnern und ihnen somit wieder Farbe einzuhauchen. Es wird Zeit, dass wir diesen Ort wiederentdecken, den Ort, der seine Leuchtkraft, seinen Glanz und seine Wunder selbst nach all den Jahren nicht verloren hat.


Der Märchenroman Verlorene Märchen von Freddy Mork, einem jungen, talentierten und vielversprechenden Autor aus einem feinen Örtchen namens Maikammer, ist im Mai 2017 bereits in Zweitauflage beim Brot & Kunst Verlag in Neustadt an der Weinstraße erschienen.


Ein kleiner Junge namens Julius betritt eines Nachts das Reich der Märchen, um sich auf die Suche nach den verlorenen Märchen zu begeben. Versehentlich fällt er einem kleinen, älteren Männchen namens Jiwig Theophanus Semmel durch das Dach und somit ohne Tür ins Haus. Der Wissenschaftler und Besitzer der größten Märchensammlung des Landes und Julius begeben sich daraufhin gemeinsam auf die Suche. Auf ihrem Weg begegnen sie Oskar, einem etwas vorlauten, aber dennoch liebenswerten Kieselstein und Wisp, einem Wolf im falschen Schafspelz. Mit Fee, der fünften und letzten im Bunde, ist die Bande um Julius komplett. Ihr gemeinsamer Weg führt sie durch den unheimlichen Wald Hagazussa zur Bibliothek, deren Aufenthaltsort niemandem so recht geläufig zu sein scheint. Die Freunde haben sich auf eine lange Suche begeben. Doch wahre Abenteurer geben nicht auf!


Die Geschichte beginnt mit Julius‘ Sehnsucht danach, etwas verloren Gegangenes wiederzufinden. Doch nicht nur Julius, sondern auch seine Gefährten tragen diese Sehnsucht in sich, weil jedem von ihnen etwas fehlt, das sie sich zu finden erhoffen. Es handelt sich auch um die Suche nach der eigenen Geschichte, die irgendwie irgendwo verloren gegangen ist. Zentral ist außerdem die Freundschaft zwischen fünf Charakteren, die bunter und unterschiedlicher nicht sein könnten, und die gemeinsam durch Dick und Dünn gehen um schlussendlich an ihr Ziel zu gelangen und somit beweisen, dass man gemeinsam alles schaffen kann und kein Hindernis zu groß und absolut nichts unmöglich ist.


Freddy Mork weiß geschickt und galant mit Worten umzugehen und kleidet weise und kreative Ideen in fantasiewolkige Wortgebilde, die auf eine Reise in die wundervolle Welt der Imagination einladen, wie beispielsweise diese Textstellen veranschaulichen:


»Die Fantasie erschafft manchmal schlimmere Dinge als die Wirklichkeit«, meinte Jiwig. Lösungen warteten meist darauf, dass man darüber stolperte. Julius wurde fast schwindlig vom Ausmaß der Bibliothek und begann zu verstehen, warum man geschrumpft werden musste, um sie zu betreten. In normaler Größe hätte sie den Rahmen jeder Welt gesprengt.


Zudem finden sich unzählige entzückende Formulierungen, wie zum Beispiel die Sonne, die am Horizont hervorlugte; lange Schatten, die sich von den Stämmen ausstrecken, wie Finger, die nach den Wanderern zu greifen versuchten und der Wolf, der gleich einem Schmetterling aus seinem Kokon geschlüpft war. Eine weitere Stärke des Romans ist der subtile Humor, der stellenweise stark mitschwingt und dem Leser hier und da ein kleineres oder größeres Schmunzeln zu entlocken vermag. Ein wundervolles Beispiel dafür ist die erste Unterhaltung, die Julius und Jiwig miteinander teilen:


Sie sahen sich eine Weile an, bis Julius das Schweigen brach.

»Warum baden Sie denn Ihre Füße?«, war alles, was er sagen konnte.

»Weil es ein Uhr nachts ist«, gab der kleine Mann zurück.


Fee ist eine besondere und meine liebste Figur, weil sie solch eine unkomplizierte und fröhliche Weltsicht hat, wie dieser Dialog veranschaulicht:


»Und du singst unten im Dorf?«, fragte nach einiger Zeit Oskar Fee, um sich vom Wetter abzulenken.

»Ich singe überall, wo ich bin«, sagte Fee.

»Bist du denn gut darin?«

»Ich glaub nicht.«

»Du glaubst nicht? Warum machst du es dann?«

»Warum sollte ich wegen so einer Lappalie damit aufhören?«


Sehr fein webt Freddy Mork seine kreativen Gedanken gepaart mit jeder Menge Charme und Witz auch in folgende Textstelle ein, die den Wissenschaftler Jiwig auf einzigartige Weise beschreibt:


Dir fällt sicher nicht schwer zu glauben, dass es jemand, der seine Seife zweimal in den Händen dreht, der seine Fußpflege nach dem Sternbild Ochsenfrosch ausrichtet und die Nagelpflege nach dem Sonnenstand, dass dieser Jemand es nur schwer ertragen kann, wenn seine Märchensammlung nicht komplett ist.


Das Werk ist in sich clever konstruiert und absolut schlüssig. Der Leser wird auf der spannenden Suche nach den Märchen bis zum Schluss sowohl auf sprachlicher als auch auf der Spannungsebene mitgenommen und nicht mehr losgelassen. Die Handlung ist subtil verwoben und am Ende werden alle Fäden geschickt zu einem logischen und unvorhersehbaren Ende zusammengeführt, wobei kein einziger Faden außen vor gelassen wird.


Verlorene Märchen ist für mich das schönste Buch, das ich seit langem gelesen habe und bei dem ich richtige Lesefreude hatte. Es entführt den Leser in eine Welt, in der andere Gesetze gelten, eine Welt, in der alles möglich ist. Freddy Morks charmante und subtile Wortakrobatik entlockt jedem Literaturbegeisterten gewiss hier und da ein Schmunzeln und an anderen Stellen lässt die kreativ gefärbte Wortwahl ein jedes Dichter-, Literaturliebhaber- und Poetenherz höher schlagen. Es wird Zeit, die verlorenen Märchen in uns und in diesem wundervollen Roman (wieder) zu entdecken, wobei Alter, Ort und Zeitpunkt keine Rolle spielen.

Was bisher geschah:
Archiv:
Kategorien:

© 2019 by Brot&Kunst