Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben - Kolumne 9

September 2, 2017

 Grausame Narren

 

Charles Dickens Romane zeichnet ein hoher Prozentsatz skurriler Figuren aus. So in „Great Expectations“ (Große Erwartungen), erschienen in englischen Wochenzeitschriften zwischen 1860 und 1861. Der Junge Pip wächst in einfachen Verhältnissen auf und wird durch einen unbekannten Gönner in den Lebensstil eines Gentleman katapultiert, bis ihm die Wahrheit über die Quelle seines Wohlstands aufgedeckt wird.

Im Laufe seines Heranwachsens wird er konfrontiert mit einer Reihe von „erwachsenen“ Gestalten, die ihm in ihrer teils wohlmeinenden, aber grausamen Borniertheit über viele Jahre zusetzen. Da ist seine um viele Jahre ältere Schwester, in deren Haushalt er aufwächst und die ihn stets daran erinnert, welche Entbehrung er ihr durch ihre Pflicht, ihn großzuziehen, zufügt. Beim nichtigsten Anlass gerät sie außer sich und misshandelt ihn. Dann ist da Mister Pumblechook, ein Freund seiner Schwester, der ihm stets mit größter Missbilligung zu verstehen gibt, dass er für eine schiefe Bahn bestimmt sei. Später, nachdem Pip in den Genuss der Zuwendungen seines Wohltäters gekommen ist, wird Pumblechook ihm gegenüber äußerst servil und ist stolz darauf, den Jungen seiner Meinung nach stets unterstützt und gefördert zu haben. Und da ist vor allem Miss Havisham, eine ältere, vermögende Dame, die sich nach einer abgebrochenen Verlobung mit einem Heiratsschwindler in ihr Anwesen zurückgezogen hat, mit der Welt nichts mehr zu tun haben will und einen schauerlichen Kult um ihr zerstörtes Lebensglück treibt. Ihr Mündel Estella erzieht sie aus Rache dazu, Männer anzulocken und dann zu enttäuschen. Für eine Weile leistet Pip Miss Havisham regelmäßig zu deren Unterhaltung Gesellschaft. Pip verliebt sich in Estella und leidet schwer an deren Kälte und kapriziösem Spiel.

 

Die Kunst Dickens ist es, seine Narren so zu präsentieren, dass sie völlig übersteigert und geradezu unrealistisch erscheinen. Dabei hat er nichts anderes getan als genau hinzusehen und die bizarren Verhaltensweisen seiner Figuren, die dem Leben abgeschaut sind, voll zur Geltung zu bringen. Wenn man sich selber unter seinen Kollegen und Bekannten umschaut, wird man bei dem ein oder anderen solche Arten von Eigenheiten entdecken können. So etwa der Kollege, der stets nur Albernheiten von sich gibt und dies als blendenden Humor missversteht. Oder der Nachbar, der borniert auf seiner Meinung besteht, selbst wenn ihm der korrekte Sachverhalt haarklein nahegebracht wird. Der große Unterschied zwischen Dickens Romanfigur Pip und seinen Quälgeistern ist, dass Pip fähig ist, seine eigenen Merkwürdigkeiten zu reflektieren und es zu bereuen, wenn er anderen Leid zugefügt hat. Außerdem kann er verzeihen. Diese Fähigkeiten gehen den narzisstischen Figuren seiner Umgebung fast völlig ab.

 

Dickens war ein großer Menschenkenner. Wer die Erfahrung machen möchte, hin- und hergerissen zu sein zwischen Lachen und Grausen angesichts menschlicher Narrheiten, die humorvoll aufgespießt werden, dem lege ich nahe, „Great Expectations“ zu lesen.

 

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