Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben - Kolumne 4


Hochzeiten

Vor einigen Wochen saß ich mit einem Kumpel auf der Terasse eines Eiscafés. Die Sonne knallte herunter auf die Fassade und den Treppenaufgang der gegenüberliegenden katholischen Kirche. Die Pforten der Kirche öffneten sich und heraus strömte eine große Hochzeitsgesellschaft; die sich uns darbietende Szene hatte die Brillanz und die Farben eines Hollywoodfilms: Herren und Damen in festlicher Kleidung, die Brautjungfern in sandfarbenem Outfit, die Braut natürlich in weiß. Seitlich der Kirche war ein Sektstand aufgebaut. Am Fuße der Treppen parkte ein Oldtimer, ein bulliger Pontiac mit Weißwandreifen, in Wartestellung für die Abreise der Frischvermählten. Brautpaar und Festgesellschaft hielten sich lange Zeit auf der Treppe auf, ein Fotograf knipste Bilder, weiße Tauben wurden freigelassen und flogen in Formation davon. Kino vom feinsten, ein Augenschmaus in Breitwand-HD Format, eine grandiose Inszenierung eines gesellschaftlichen Initiationsritus. Andächtig und manchmal leicht grinsend saßen wir da und genossen die festliche Show.

Vor ein paar Monaten fiel es mir ein, mich mit englischen Dichtern zu beschäftigen. Ausgangspunkt war ein schmales rotes Reclambändchen gewesen, "English Poems of the Twentieth Century", mit ausgewählten Gedichten einer ganzen Reihe berühmter englischer Poeten. Von Philip Larkin, einem beliebten britischen Nachkriegsdichter (post 2. Weltkrieg), bestellte ich mir in der Folgezeit die "Complete Poems". Beim Lesen der Gedichte stieß ich auf "The Whitsun Weddings", Titel sowohl eines der enthaltenen Gedichtbände wie auch des titelgebenden Gedichts. Larkin beschreibt darin detailliert eine Bahnfahrt von Hull im Norden Englands Richtung London, bei der er Zeuge einer großen Anzahl von Hochzeitsgesellschaften wurde, die an aufeinanderfolgenden Stationen die jeweiligen Brautpaare in die Flitterwochen verabschiedeten. Ursache dieses Phänomens: Ehepaare, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Stand der Ehe getreten waren, kamen in den Genuss steuerlicher Vergünstigungen. Für Larkin war die Fahrt sehr angenehm, zugleich wühlte ihn dieses Schauspiel auf, so dass er große Schwierigkeiten hatte, das Gedicht später abzuschließen. Mit einer Prise Humor brachte er zuhause seine Eindrücke zu Papier: "The fathers with broad belts under their suits/And seamy foreheads, mothers loud and fat;/An uncle shouting smut; (...)". Oder: "(...) All down the line/Fresh couples climbed aboard: the rest stood round;/The last confetti and advice were thrown,". In den letzten zwei Zeilen verlässt Larkin die Sphäre der Beschreibung und evoziert ein Bild von Fruchtbarkeit, die wie eine Kombination aus Menschenwerk und Naturereignis über das Land schießt und fällt: "A sense of falling, like an arrow-shower/Sent out of sight, somewhere becoming rain."


Nachdem ich "The Whitsun Weddings" mehrmal gelesen hatte, kam mir mein Erlebnis mit der Hochzeitsgesellschaft an jenem heißen Sommertag wieder in den Sinn. Mich hatte vor allem die Hochglanzqualität der Szene beeindruckt, als ob ein Regisseur darauf bedacht gewesen wäre, ein cineaskes Strahlen, eine gleißende Opulenz einzufangen. Dieses reale Ereignis, das wie aus dem Kinosaal entsprungen zu sein schien, hat sich mir eingebrannt wie Larkin seine Eisenbahnfahrt entlang der Parade der "Whitsun Weddings".

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