Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben - Kolumne 3


Sommerlektüre

Während die Sommersonne die Welt draußen in einen Ofen verwandelt, nehme ich mir die Bücher vor, die ich mir in letzter Zeit gekauft habe. Zuerst Ulysses von James Joyce in der nachgedruckten Ausgabe von 1922, ein fettes Pfund engbedruckter Seiten, Monsterbuch des 16. Juni 1904, Dublin, Irland.

Die wichtigsten Figuren sind Stephen Dedalus, vom Kontinent zurückgekehrter junger Dichter, Leopold Bloom, jüdischer Anzeigenaquisiteur und seine Frau Molly, deren Bewusstseinsstrom das gesamte letzte Kapitel des Buches bildet. Ich mache sehr unterschiedliche Erfahrungen mit den verschiedenen Kapiteln des Wälzers, manche sind einigermaßen verständlich geschrieben, bei anderen verzweifle ich daran, den unzähligen Anspielungen, Bewusstseinsinhalten, Wortspielen und gelehrten Abschweifungen viel Sinn entnehmen zu können. Beim ersten Durchgang ärgere ich mich noch darüber, wie viel ich nicht verstehe. Wiewohl des Englischen in großzügigem Maße mächtig, gerate ich hier über weite Abschnitte an meine Grenzen und gebe zunächst frustriert auf. Joyce meinte nicht umsonst, dass Heerscharen von Professoren die nächsten 600 Jahre mit der Ergründung dieses Schinkens beschäftigt sein würden. Bei weiteren Versuchen merke ich, dass mich zumindest einzelne Abschnitte ansprechen. Ich beschließe, für die weitere Lektüre des Romans (der Enzyklopädie?) mehr Geduld aufzubringen, die Sache mit langem Atem anzugehen.


In groben Zügen kenne ich jetzt die gesamte Handlung des Buches. Darum ziehe ich im Geiste eine Verbindung, als ein Bekannter mir von einem Vorfall erzählt, dessen Zeuge er vor Kurzem an einer Bushaltestelle wurde; ein älterer Mann schlug einem Jugendlichen, der auf der Wartebank dort saß, mit der Faust ins Gesicht und ging weiter. Der Teenager war so verblüfft, dass er minutenlang nichts herausbrachte. Meinen Bekannten amüsierte die Situation, die ein wenig verwandt ist mit der Szene, als Stephen Dedalus von einem angetrunkenen britischen Soldaten niedergeschlagen wird, nachdem er einen Puff verlassen hat.


Meine übrige Lektüre wird gebildet aus den drei Texten, die als die wichtigsten der "Beat Generation" betrachtet werden, On the Road von Jack Kerouac, Naked Lunch von William S. Borroughs und Howl von Allen Ginsberg. An Kerouacs Niederschrift seiner Odysseen durch die U.S.A. und nach Mexiko beeindruckt mich der Mut dieser rebellischen Reisenden, die auf der Suche nach "kicks" weite Strecken zurücklegen, zwischendurch wilde Parties feiern und von Augenblick zu Augenblick sich dem Rausch (und dem Kater) eines ungebundenen, risikobereiten Lebensstils hingeben. Naked Lunch begegne ich zuerst mit großen Fragezeichen. Die Handlung des Romans wird lose zusammengehalten durch die Figur des heroinabhängigen William Lee, der vor der Drogenfahndung nach "Interzone", einem bizarren Ort, flüchtet. Das Buch ist harte Kost, sexuelle Pervisionen, ekelerregende Beschreibungen von Drogenkonsum und halluzinative Episoden, in denen Science Fiction Horror-Kreaturen über ihre Genitalien suchterzeugende Soffe absondern, wechseln einander ab. Nach einigen Anläufen beginne ich, die ungeheure Komik dieses vor aberwitzigen Bildern und schreckenerregenden, satirisch überspitzten Situationen strotzenden Zusammenschnitts inhaltlich wenig verbundener Textabschnitte zu genießen. Trotzdem mache ich teilweise (allerdings in weit geringerem Maße) eine ähnliche Erfahrung wie bei Ulysses, kann manchen Abschnitten nicht so recht folgen, Burroughs Wortlust und Sprunghaftigkeit übersteigt manchmal meine Kapazitäten. Ich kann mir aber vorstellen, dass mir bei wiederholter Lektüre noch der eine oder andere Sinnzusammenhang aufgehen wird. Howl schließlich zieht noch einmal ein ganz anderes Register, Ginsbergs wortgewaltige Klage über das Elend seiner Generation lotet die Abgründe einer Subkultur aus, deren Erfahrungen die ganze Bandbreite von Drogenkonsum, Psychiatrie, Gewalt, Jazzekstasen und sexuellem Rausch umfasst. Der Drogentod eines flüchtigen Bekannten rückt die düstere, alptraumnahe Seite der Beat Generation noch einmal stärker in mein Bewusstsein. "I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked,/dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix" (Anfangszeilen von Howl).


"Beat", ein Ausdruck, den Kerouac nach dem Erfolg seines Buches den am Autor selbst wenig interessierten Journalisten geduldig erklärte, bezeichnet einen Zustand exaltierter Erschöpfung. Kerouac, der sich selbst nicht als "beat", sondern als "seltsamen, einzelgängerischen, verrückten katholischen Mystiker" sah, brachte ihn außerdem in Zusammenhang mit einer katholischen seligmachenden Vision, die direkte Schau Gottes, die die Gesegneten im Himmel genießen. Die drei Gründungstexte der "beats" bestechen durch die die je eigene, unverwechselbare Stimme und Persönlichkeit der Autoren. Trotz der langen Zeit, die seit ihrer Veröffentlichung inwischen vergangen sind - sie wurden erstmals Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts veröffentlicht -, hat ihre Sprache keine Patina angesetzt. Für Leser, die an Grenzerfahrungen Interesse haben, sind diese Werke empfehlenswerte Lektüre.

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