Brian Laurins Streifzüge durch Literatur und Leben - Kolumne 1

June 13, 2016

 

Vom Trost der Lektüre

 

Wenn ich einer Entwicklung der letzten Jahre dankbar bin, dann ist es der Verbreitung öffentlicher Bücherschränke in vielen Städten und Orten. Als ich Letztens viel Zeit zur Verfügung hatte und der hauseigene Bücherschrank nichts mehr hergab, pilgerte ich diverse Male zu solch einer Einrichtung, um meine Bestände aufzufrischen. 

 

Natürlich steht zu erwarten, dass die Sichtung solch eines Schranks zuweilen der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht; viele dort abgestellte Bücher zeugen von der Ausmistung älterer Bestände, vieles davon gehört nicht zu meiner Lieblingslektüre. Konsalik, Simmel und die diversen Zeugnisse gelebten Christentums lasse ich links liegen, den Blick gerichtet auf die Edelsteine, die sich mitunter dort verbergen. Gute Krimis tauchen bisweilen auf, auch englische Romane und Kurzgeschichten, vereinzelt gute Sachbücher. Bei der ausgedehnten Lektüre der Schätze, die ich dort ausgehoben habe, ist mir eine Sache aufgegangen, die mich bisher nicht sonderlich beschäftigt hatte: Autoren schreiben oft von tragischen Schicksalen, unglückseligen Verstrickungen, Unglücken, Beziehungsqualen, Mord und Totschlag. Solche Geschichten geben selbstverständlich den Stoff her, aus dem gerade sich viel Literatur machen lässt; in der Verdichtung, in der sie sich dort präsentiert, ist allerdings kein direkter Bezug zum normalen Alltag zu ziehen. Trotzdem wurde mir diese Lektüre aus einem bestimmten Grund wichtig, in der nicht gerade angenehmen Situation, in der ich mich befand; es war mir ein Trost, dass ich vieles nicht erlebt hatte, was in diesen Büchern vorkommt, weder bin ich gefoltert und hingerichtet worden wie die Protagonisten in Anna Seghers "Die Gefährten", noch bin ich ein Opfer der Grausamkeiten der chilenischen Militärjunta, wie sie in Isabell Allendes "Das Geisterhaus" eindrucksvoll beschrieben werden. Eintauchen in diese Welten, ja, unbedingt, so manche Stunde Wartezeit haben sie mir verkürzt. Und froh sein, dass das nicht meine Realität ist, das auch.

 

Die Kultur der offenen Bücherschränke erleichtert ein interessantes Phänomen, das der "freigelassenen Bücher", die mit einer eingeklebten Notiz versehen sind mit dem Auftrag, ihnen nach der Lektüre wieder die Freiheit zu geben und dem Umlauf zurückzuführen. Wer will, kann eine in der Notiz angegebene Webseite (www.bookcrossings.com) aufrufen und dort nach Eingabe des Buchcodes einen Eintrag hinterlassen, welche Erfahrungen man mit der Lektüre gemacht hat. Solch ein Buch, "Watership Down" von Richard Adams, fiel mir in die Hände, ein spannender Roman von den Abenteuern einer Bande wilder Kaninchen, die ihren heimischen Kaninchenbau verlassen und auf Wanderschaft ziehen, um sich ihr eigenes Revier zu schaffen. Der Roman enthält wunderschöne Naturbeschreibungen, die von profunder Sachkenntnis des Autors zeugen und bringt dem Leser die intensive, den Fährnissen der Natur, konkurrierender Kaninchen und Kaninchenjägern aller Couleur abgetrotzte Lebenswelt dieser gar nicht so harmlosen Nager nahe. Der Roman enthält Beschreibungen von Kampf, Unterdrückung, Schmerz und Sterben, doch im Vordergrund steht für mich die Spannung, die der Autor durch die Handlung erzeugt, die den steinigen Weg der Abtrünnigen unter ihrem Anführer Hazel bei der Lösung ihrer vielfältigen Probleme und Nöte zeichnet. Die Mühe, die sich die Kaninchen dabei machen, ihren Bedürfnissen zu folgen und sich, unter Gefahr für Leib und Leben, für ein besseres Leben einzusetzen, reflektiert wie unter einem Mikroskop, in gebündelter, intensivierter Form Herausforderungen, denen sich auch Menschen stellen, wenn auch normalerweise heutzutage und hierzulande nicht so nackt und existenziell. Die ermutigende Botschaft dieses Romans, wenn man so will, lässt sich mit einem Ausspruch Winston Churchills auf den Punkt bringen: "Gib nie, nie, nie auf!". Solche Bücher gibt es, die einen nach der Lektüre bestärkt und beherzter in den auch immer wieder problematischen Alltag entlassen.

 

Eine Anmerkung noch zu offenen Bücherschränken, irgendwo las ich, dass vor einigen Wochen solch ein Kulturträger in Heidelberg abgefackelt wurde. Idioten sterben eben nicht aus... Jedenfalls werde ich bei nächster Gelegenheit wieder zu einem Bücherschrank pilgern um einiges Gelesenes dort einzustellen und hoffentlich neue Lektüre davonzutragen. Als Ergänzung zu gekauften Büchern lohnt sich dieses Unternehmen allemal. Ich kann's nur empfehlen.

 

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