der gestaute und der

frei fließende fluß

şafak sarıçiçek

mit Graphitzeichnungen von Deniz Sarıçiçek

#25

Safak Saricicek_Frontcover2.jpg

Leseprobe

Vor-Gedicht von Lütfiye Güzel

Autoreninfo

Büchertisch

10,00 €Preis

Umfang: 136 Seiten
Genre: Lyrik
Preis: 10 EUR

Der Autor selbst schrieb hierzu:

»Wenn ich an den gestauten und frei fließenden Fluß denke, so denke ich zuerst an den Fluss Munzur. In der kurdisch-zazaisch und alevitisch geprägten Region meiner Ahnen ist einer der ältesten Nationalparks der Türkei. Unzählige endemische Pflanzen- und Tierarten finden sich hier. Mit Staudämmen wird dort von der Regierungsseite eine Politik im Geiste des Jahres 1938 fortgeführt, einem blutigen Jahr, das im Dersim-Massaker mündete. Der Fluss, die Berge, die Natur, haben für die einheimische Bevölkerung Seelen, sind heilig, sind Lebens- und Kulturgrundlagen.

 

Wenn Lyrikbände eine Essenz haben können, so ist die Symbolik vom Fluss Munzur die Essenz dieses Lyrikbandes. Ich wollte dieser Symbolik eine Sprache geben. Auch die Sprache des Lyrikers fließt frei assoziativ oder gestauter, abstrahierter, hermetischer, die Betonwand des Staudammes, hinter der die Wassermasse Druck ausübt, um wieder frei zu fließen. Tage können fließen, positiv, so dass das Zeitgefühl verschwindet oder gleichmäßig und gestaut in der Routine.

 

Meinen älteren Bruder Deniz beschäftigt kreativ gleichsam diese Dualität. Als wir noch Kinder waren, zeigte er mir durch Erzählungen insbesondere die frei fließende Seite des Flusses, wofür ich ihm sehr dankbar bin. In seinen Geschichten bekam der Wald mythologische Einwohner und führten selbstgezeichnete Türen der Vorstellungskraft in verborgene Welten.

 

Die Zeichnungen in diesem Band sind wieder, wie in der Vergangenheit, kleine Pforten, die den gestauten Fluss befreien und zu neuen Orten flie-ßen lassen, von denen man tief in Schubladen des Unterbewusstseins ahnte. Dieser Band soll solche Pforten für den Leser öffnen.«

Rezensionsauszüge zu Der gestaute und der frei fließende Fluß:

 

Jan Kuhlbrodt (Stipendium Autorenförderung Niedersachsen 2007, Sächsischer Literaturpreis 2014, ehem. Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut) auf piqd:
»Der Dichter jedoch holt das Wort aus seinem angestammten Soziotop und implantiert es in den bettzerwühlten Alltag. Sprachverschiebungen. [...] Diese Beweglichkeit schlägt sich auch in seinem zweiten in Deutschland veröffentlichten Gedichtband wieder. Die Gedichte setzen sich sowohl mit geografisch Kleinteiligen, mit einer Betrachtung in Hamburg beispielsweise, aber auch mit der politischen Großwetterlage auseinander. Der Band ist aber auch durchsetzt mit Liebesgedichten. Ein schönes Buch und schön gestaltet unter Verwendung von Zeichnungen des Bruders der Autors Deniz Saricicek.«

Marina Büttner (Lyrik in Köln 2015, Lyrikerin, Kunst- und Buchhändlerin, Kunsttherapeutin) auf Literaturleuchtet:
»Gleich anfangs merke ich, dass sich der Ton verändert hat. Da hat sich eine Stimme entwickelt. Was vorher augenblicksbezogen und leicht war, dehnt sich nun in schwerer wiegende Verse mit steilen Wortwechseln. Es sind nicht mehr nur die Beobachtungen, es sind daraus gefasste Entschlüsse. Und auch Sariçiçek sammelt die Welt ein und verdichtet sie. […] Auch Worte sind im Fluß, manchmal angestaut. Er beschäftigt sich mit dem Alltäglichen, mit unserer Zeit, mitunter erlese ich Gesellschaftskritik, auch über Grenzen hinaus. […] Meine Feststellungen basieren auf diversen recht langen Wortbauten, teils stakkatohaft aneinander gereiht. Manchmal geht einem beim Lesen die Puste aus, es gilt Luft zu holen oder sich eine schnellere Lesart anzueignen. Ich mag das, was mit mir beim Lesen geschieht. Ich staune. Ich freue mich sowohl über den gestauten, als auch über den frei fließenden Lesefluß.«

Slata Roschal (u.a. 1. Platz Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern 2018) im Signaturen-Magazin:
»Gleichzeitig werden Werbeprospekte, Limonadenflaschen zu Orientierungsstützen, der Ikea-Katalog etwa, ein Katechismus, der Antworten auf alle großen Fragen bereithält (nach welchem System hänge ich meine Kleider auf, wie viele Gäste lade ich ein, was steht auf meinem Tisch, was liegt auf meinem Bett, wie viele Kinder bekomme ich, wie verpacke ich zu Weihnachten Geschenke). Im Ikea-Katalog (hier dazu einem ungültigen ─ seiner Pragmatik entledigt, ohne Kommerz) steht das, was wir wollen, woran wir glauben, ein Dokument, entlang dessen spätere Forscher unsere Psyche lesen werden […] Wenn die Verknüpfungen auf der Horizontalen ausgeschöpft sind, hebt das Einkaufszentrum ins All ab […] Zeit, Räume, Wasser und Gewässer fließen, an die Stelle von Land und Heimat tritt die ganze Erde, die kosmopolitische Verbundenheit der einzelnen Bestandteile, weiße fäden, wie die dezenten weiß-auf-schwarz-Zeichnungen, die sich durch das kleine quadratische Buch ziehen […] Mir ist das Buch jung, nicht im Sinne von unerfahren, sondern freudig und neugierig, einfach sympathisch.«

Jamal Tuschick (u.a. Suhrkamp Verlag) auf Textland:
»Der Landschaft seiner Ahnen pflanzt Şafak Sarıçiçek seine Gedichte ein und entnimmt sie ihr wie in einem Atemzug. Sie sind an einem Fluss zuhause, der Titel sagt es – das ist eine konkrete Poesie, hermetisch-konkret. […] Şafak Sarıçiçek entwickelt seine Poesie in Prozessen der Anverwandlung und der Entfremdung. Ihn bewegt die Angst, „die heimat (entschwände) in fatamorganaleere“. Leicht betrübt erzählt er von den „abflussbecken der februartage“. Fast ein Brecht‘sches Lehrgedicht ist „renaissance der weltzuhälter“. Die Rückkehr weiterer Sonnenkönige wird darin vorausgesehen. Einige sollen sogar schon eingetroffen sein. 
Im Titelgedicht machen „schwalbenstimmen … bei der tür kehrt“. Der Dichter lässt sich nicht in die Karten gucken. Alles ist Material, Melodie und Silbenklang. Die Transformation vom Ich zum Wir („der Kommunardentraum“ (Heiner Müller) verliert seinen Massencharakter in der Konzentration auf ein Du, das anders Wir wird, wenn die „nachtkatze“ lächelt. In den Liebesgedichten konkretisiert sich das lyrische Du und vertreibt die „schwarzen reptile der schattenzeit“.
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Elif Dabazoglu in ruprecht - Heidelberger Studierendenzeitung:
»Zunächst ist es, als würde man ein Tagebuch lesen, wenn man den gestauten und frei fließenden Fluß liest. Şafak schreibt von Begegnungen mit Fremden, die er zu kennen glaubt, von täglichen Weckerstakkatos und vom Vermissen. Davon, wie er sich zwischen verwesenden Menschen, Touristen und Chinojuristen auf den Weg ins juristische Seminar macht und von der sozialen Ungleichheit, die ihm täglich begegnet. […] Das Banale wird in seinen Texten oft zum Einfallstor, um in die Tiefe zu gehen und zu beschreiben, was ihn beschäftigt. Ob dies nun die ihm fremde Konsumwelt ist (intergalaktischer einkauf bei der shopping-mall im weiher), das Schicksal des armenischen Journalisten Hrant Dink (für ahparrig für hrant dink) oder aber seine Eindrücke zum filmnoir. […] Ein Lyrikband, der sich zu lesen lohnt.«

 

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